Mittwoch, 10. Juni 2015

Entschleunigung

… so das neue Wort in unserem Leben !
 
 
 
Josef läuft inzwischen wie ein kleiner Duracell-Hase und Josef redet inzwischen wie ein Wasserfall. Doof nur, dass wir ihn nicht verstehen können, da wir noch kein „Josefisch“ sprechen. Meist läuft und redet er gleichzeitig. In diesem Falle mutiert das Reden eher zu einer Art lautem Rufen und klingt eher nach „Schimpfen, wie ein Rohrspatz.“ Dennoch, es ist einfach nur drollig und ich könnte dem Jopmann stundenlang zuhören und mich kaputtlachen, wenn er vor mir steht, mit seinen kleinen Armen rumfuchtelt und mir offenbar ganz wichtige Informationen zukommen lässt und am Ende seiner Ausführung nur weise mit dem Kopf nickt und mich fragend ansieht – frei nach dem Motto: „Na Mutter, haste jetzt verstanden?“
 
Nein, ich habe nicht verstanden. Fragmente meine ich entziffern zu können, doch zwischenzeitlich habe ich gelernt, dass „Mama“ nicht immer „Mama“ heisst. Oft ist damit auch der Vater, oder die Flasche auf dem Tisch oder, oder, oder gemeint. Und so hangeln wir uns durch und versuchen den Code für „Josefisch“ zu entschlüsseln, indem wir uns mehrfach „beschimpfen“ lassen müssen, wenn wir nicht beim ersten mal das Richtige vom Tisch reichen, sondern dem Kleinprinzen zunächst diverse andere Gegenstände anbieten, die er nach unserer Auffassung gemeint haben könnte. Erst wenn wir ihm das Richtige in die Hand drücken, herrscht – zumindest kurzzeitig – Ruhe, bevor die Suche nach einem weiteren Gegenstand losgeht.
Immer und immer wieder …
 
Essen. Essen ist auch so ein Thema für Jopi.
Kaum hört was Rascheln – sei es nur ein Stück Papier – fliegt der Schnuller aus dem Mund, sein Kuscheltuch wird auf den Boden geworfen und es kommt ein: „Nu, nu, nu, nu, nu, nu, nu“ und dabei tippt er immer mit seinem kleinen Zeigefinger auf seine Brust, was heissen soll: „Jetzt gib mir endlich was zu essen!“. Die funktioniert allerdings auch dann, wenn Jopi gerade vom Essen aufgestanden ist und sein Bäuchlein eigentlich voll sein sollte. Und so knuspelt der Knuspel immer irgendwas … Und irgendwie geht alles. Brot, Brezeln, Sesamstangen, Salzbrezeln, Fruchtriegel, Bananen, Kekse, Äpfel, Erdbeergen, Trauben, Bratwürste, Brokkoli, Pommes, Steine, Feuchttücher … Einfach alles. Der Prinz und ich müssen die Schokoloade schon heimlich und hinter Jopi’s Rücken essen, damit er davon nicht allzuviel bekommt … Gut, derzeit sind wir alle sicher, da ja das Projekt „zuckerfrei“ läuft …
 
Auch muss Jopi derzeit alles selbst machen. Selbst die Socken ausziehen, selbst mit Besteck essen, selbst Dinge holen oder zurückbringen, selbst irgendwo hochklettern. Hilfe ist nicht mehr erwünscht – also nur noch dann, wenn sich der Fuss mal wieder in der Fliegentür am Balkon eingeklemmt hat, weil der Schliessmechanismus verhindert, dass das Gitter offen bleibt, oder wenn er irgendwo hoch geklettert ist, aber nicht mehr weiss, wie er runter kommen soll … Dann wird mit einem schrillen Schrei nach Hilfe gerufen. Kaum hat man die Mission erfüllt, ist die Anwesenheit der Eltern eher unerwünscht.
 
Doch geht es ums Lesen, dann sind wir wieder willkommene Zeitgenossen. Wir lesen Bücher am laufenden Band. Immer und immer wieder. Wir haben sie schon 100.000 mal gelesen und heute abend werden wir wieder von vorne beginnen und sie werden wieder genauso interessant sein, wie heute morgen noch oder gestern abend oder gestern morgen oder vorletzte Woche, als wir das gleiche Buch bereits 20 mal hintereinander durchgeblättert haben. Wir werden nicht müde dem kleinen Zeigefinger zu folgen und zu sagen: „Schau Josef, das ist eine Kuh, und wie macht die Kuh?“ Zur Antwort kommt ein: „Mi mi.“ „Nein Josef, die Kuh ist doch keine Katze, eine Katze macht miau und die Kuh, die mach muuuuh.“ Um das ganze auch zu veranschaulichen, blättern wir zwischen der Katze und der Kuh hin und her und zeigen, wer wer ist …
Drei Bücher später landen wir wieder beim ersten und spätestens dann habe ich ein Deja-vu. Und täglich grüsst das Murmeltier …
Umso grösser jedoch dann die Freude, wenn wir Josef bitten, das Buch mit der Geige zu holen. Da stiefelt er los, brabbelt ein „Gaga, gaga“ vor sich hin und holt das gewünschte Buch, schlägt die Seite mit der Geige auf und tippt munter drauf … Somit versteht er mehr, als er uns wissen lässt …
 
Und es ist so wunderbar zu erleben, wie sein Wortschatz immer grösser und grösser wird. Der passive scheint schon recht gross zu sein, der aktive beschränkt sich derzeit auf:
„Lulla“ (Schnuller)
„Gaga“ (Geige)
„Muuuuuh“ (selbsterklärend)
„Mama“ (eigentlich immer alles)
„Nu, nu“ (bitte gib mir das)
„Halla“ (Hallo)
Und noch einiges mehr … Wobei Jopi auch zu drollig ist, wenn sich alles, was annähernd wie ein Telefon aussieht, ans Ohr hält und munter „Halla, halla“ hineinruft. Manchmal ruft er sogar jemanden an – wie gestern zum Beispiel, als er meine Freundin Gundula anrief und diese geduldig in der Schleife wartete und zuhörte: „Ihre Verbindung wird gehalten. Ihre Verbindung wird gehalten.“ Einige Minuten später rief sie dann doch an und wollte wissen, was der Grund unseres Anrufes war. Selbstverständlich fragte ich Josef, was er denn von Gundula wollte, doch da war er schon wieder anderweitig beschäftigt, dass er mir gar nicht mehr sagen konnte, was es so wichtiges gab …
 
Und wie gesagt, da Josef nun läuft, möchte er auch immer öfter selber laufen. Da hält ihn nichts mehr auf dem Arm oder im Kinderwagen. Und dann spaziert er – manchmal neben uns her, meist jedoch immer in die entgegengesetzte Richtung. Wir gehen einen Schritt vor und drei zurück. Und dann stehen wir erst mal wieder und warten, bis Josef das Fahrrad erkundet hat oder aber etwas Interessantes am Boden entdeckt hat oder aber er jedem Vogel nachschaut und ihm hinterherzeigt und „Da, da, da, da!“ ruft.
Unter lautem Protest lässt er sich mal 6 Schritte nach vorne tragen und dann beginnen wir wieder mit dem Hinterherlaufen, Hinterherrufen, Warten und ihn wieder Abholen …
 
Eilig darf man es zuweilen nicht haben. Weder beim Essen, noch beim Lesen, noch beim Gehen …
Schön Entschleunigen, einfach mal machen lassen und sich später den anderen, Liegengebliebenen Dingen widmen …
 
Doch zugegeben, hin und wieder zehrt es doch ganz schön an den Nerven und man würde dem Mupfel gerne mal „Beine machen“, damit man endlich mal vorwärts kommt … Doch es hilft alles nichts … Gelassen bleiben, lächeln und sich daran erfreuen, welch grossen Spass er beim Entdecken seiner Welt hat …
 
In diesem Sinne, gehabt euch wohl.
 
Eure Jana

1 Kommentar:

  1. Ach...schöööön....
    Erinnert micht an https://de.wikipedia.org/wiki/Tomte_Tummetott

    "Auf dem einsamen, alten Hof schlafen jetzt alle, aller außer einem... Tomte Tummetoott.... Wenn die Sterne am Himmel funkeln und der Schnee weiß leuchtet, schleicht auf leisen Sohlen Tomte Tummetott, der Wichtel mit der roten Mütze, im Mondlicht umher und hinterlässt winzige Fußstapfen. Er bewacht die schlafenden Menschen und die Tiere auf dem Hof und erzählt ihnen vom Frühling, der bald kommen wird."

    Gefühlt mindestens 10millionen mal vorgelesen. :-)

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