Freitag, 21. März 2014

Mutter werden ist nicht schwer ...



… Mutter sein, dagegen sehr !



Das Leben mit Baby wäre so einfach, wenn jedem Baby bei Geburt eine Gebrauchsanweisung beiliegen würde. Neben der Rubrik „Inbetriebnahme“ wären noch Rubriken, wie „Verfahrensanweisung im 1. Monat“ (bis zum 12. Monat), „Nahrungsmenge“, „Fehlerbeschreibungen und –behebungen“.

Den „jungen“ Müttern dieser Welt würde einiges erspart bleiben, es würde weniger graue Haare geben und bestimmt nicht soooo viele durchwachte Nächte …

Nach fast 10 Wochen auf dieser Welt schläft mein Baby endlich mal am Tag. Und zwar nicht auf dem Arm. Und auch nicht in seinem Bett. Nein, es schläft auf dem Balkon in seinem Kinderwagen. Selbst die Kreissäge des Nachbarn kann ihm nichts anhaben …
Ja, es wird besser. Jeden Tag – naja, vielleicht auch jeden zweiten oder gar dritten – ein bisschen mehr.

Josef kommt langsam aber sicher in dieser Welt an.
Seinem Rumgefuchtel und –gezappel nach zu urteilen, mag er sich noch gegen etwas wehren, doch leider kann ich es ihm nicht ersparen – er muss nun hier bleiben und lernen, sich zurechtzufinden.
Es ist schon erstaunlich, wie schnell man doch vergisst, wie die ersten Wochen waren … Alle Anstrengung, aller Stress ist irgendwie weg. So weit weg, dass man sich nicht mehr daran erinnern kann … Vielleicht will man sich auch gar nicht mehr daran erinnern.
Ein Lächeln des Kindes und alles ist vergessen …

Niemand hat behauptet, es würde leicht werden mit dem Kind. Doch ganz ehrlich? So ne richtige Vorstellung, wie es werden würde, hatte ich nicht. Tja, und ab dem 09.01.2014 fand ich mich dann ganz plötzlich – und fast ohne Vorwarnung – in meiner neuen Rolle. Da war ich nun, doch ich fand mich nicht zurecht. Die ersten Tage mit Kind waren geprägt von grenzenloser Müdigkeit, Erschöpfung höchsten Grades, Freude, Unsicherheit, Stolz.
Und damit ich nicht ganz vergesse, wie so die letzten 10 Wochen waren, schreibe ich das hier mal auf, damit ich das später auch im Tagebuch meines Kindes festhalten kann.

Woche 1:
Am 12.01. werden wir nach insgesamt 2,5 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. 2 schlaflose Nächte liegen hinter mir, da ich die ganze Zeit immer nur in das Kinderbett des Juniors linste und mir sein Gesicht, die Hände und die kleinen Beinchen betrachten musste. So ein kleiner Mensch gibt auch in der Nacht recht lustige Laute von sich, so dass ich immer mal wieder nachschauen musste, was er denn so treibt.
Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass Säuglinge fast nur aus Reflexen zu bestehen scheinen. Der Josef hatte von Beginn an einen sehr ausgeprägten „Moro-Reflex“, der ihn immer wieder seine Ärmchen von sich strecken liess und auch heute noch immer wieder strecken lässt.

Stillen scheint allerdings auch so eine Wissenschaft für sich zu sein. Während der Suchreflex bei Josef stark ausgeprägt war – immer wenn er an die Brust wollte, wurde er richtig hektisch, das kleine Köpfchen wackelte ganz schnell von links nach recht und dabei war der Mund weit geöffnet, damit er die Brust, wenn er sie denn gefunden hatte, auch packen konnte. Tja, und dann hatte er sie irgendwann gepackt, doch damit anfangen konnte er auch nichts, da Josef noch nicht wusste, dass Saugen nur dann geht, wenn die Zunge UNTER der Brustwarze liegt und nicht drüber. Doch wie bringt man das einem hungrigen, unruhigen und sehr zappeligen Säugling bei, der nach dem 10. Versuch keine Lust mehr hat und dann erst richtig das Schreien anfängt, weil das Loch im Bauch immer grösser wird? Ich weiss es auch nicht mehr … Was ich weiss ist, dass wir uns unheimlich „gequält“ haben. Josef, weil das mit dem Saugen so kompliziert war und ich war nicht selten durchgeschwitzt, bis ich das Kind mal in einer Position hatte, in welcher ich das Gefühl hatte, er würde saugen und dabei auch noch einigermassen satt werden.
Gut und gerne zwei Wochen haben wir dieses „Spiel“ probiert, wobei schnell klar war, dass der Knabe eine Lieblingsseite hat – links – und rechts so gut wie gar nichts geht. Und dann eben immer diese Unruhe im Kind, die mich schier verzweifeln liess.
Wie gut, dass es Hebammen gibt, die Schützenhilfe leisten, wenn alle Stricke reissen. Und wie gut, dass diese Hebammen in der ersten Woche JEDEN Tag vorbeikommen und helfen. Hätte ich meine Hebamme nicht gehabt, wäre vieles nicht so gut gelaufen.
Lange Rede kurz. Josef hatte – wohl durch die Saugglocke bedingt – eine Halswirbelblockade. Auf Anraten der Hebamme suchten wir an Tag 6 bereits einen Osteopathen auf, der mit sanften Bewegungen die Schädelbasis wieder zurechtrückte und den Halswirbel auch wieder in Position brachte.
Nach dem Besuch hoffte ich, dass alles Leid nun schlagartig ein Ende haben würde, doch was folgte, war die Erstverschlimmerung …
Das was wir zuvor hatten, war schlagartig 5 mal schlimmer …
Vielen Dank auch, Herr Osteopath.

Woche 2:
Josef empfängt den ersten Besuch. Zunächst kamen Oma Anne und Onkel Norbert aus dem höheren Norden den kleinen Mann besuchen und direkt im Anschluss Oma und Opa Kasina, die die weite Reise aus Kroatien nicht scheuten. Viel bekam Josef allerdings nicht mit, da er die meiste Zeit entweder an der Brust hing – inzwischen war rechts genauso gut wie links - schlief oder aber seinem Unmut lautstark Gehör verschaffte.

Meine grosse Unsicherheit im Umgang mit dem Kind bewegte mich dann allerdings auch dazu, gegen Ende der zweiten Woche dann auch nochmals den Kinderarzt aufzusuchen, da Josef’s Nase dauerhaft verstopft war und ich überprüfen lassen wollte, ob da nicht was Ernsthafteres dahinter steckt. Zum Glück war meine Sorge unbegründet … Die verstopfte Nase gibt es heute noch …

Leider war Josef’s Unmut noch immer recht gross. Die Osteopathische Behandlung brachte zunächst die Erstverschlimmerung, dann aber wurde es besser. Was allerdings nicht besser wurde war die Tatsache, dass ich Josef kaum noch von der Brust legen konnte. Gefühlte 26 Stunden täglich wollte er saugen … Ich dachte schon, dass er eigentlich aus allen Nähten platzen müsste, doch dem war nicht so. Nach einer Woche hatte ich genug von Geschrei und Unruhe und so beschloss ich, etwas von der Fertignahrung zuzufüttern. Kaum hatte er Kleine das getrunken, war Ruhe eingekehrt.
Fazit: Der Wurm hatte schlicht und ergreifend hunger und wurde trotz der vielen Saugerei nicht satt.
Und da beschloss ich abzustillen und nur noch Flaschennahrung zu füttern. Das Gemüse mit Stillen UND Flasche war mir dann doch zu aufwendig, zumal die Nächte so oder so schon viel zu kurz sind.

Woche 3:
Josef hängt nun an der Flasche und scheint all das recht gut zu vertragen.
Auch wenn ich nie eine dieser Mütter werden wollte, die sich über die Ausscheidungen ihres Kindes auslässt, so bleibt das doch nicht aus … Josef’s Verdauung kam ins Stocken und damit ging das Geschrei auch wieder los. Und dann waren sie da, diese komischen Koliken, die das Kind sich krümmen und vor Schmerz schreien lassen. Nach drei verdauungslosen Tagen konnte ich das kleine Leid nicht mehr mit ansehen und verpasste meinem Sohn den ersten Einlauf seines Lebens.
Ich sag nur: Bis zur Halskrause !!!! Danach war gut und Josef ein ganz zufriedener kleiner Mann … Bis zur nächsten Verdauungsschwierigkeit.
Puh – es reisst nie ab und immer ist was … Mir kam es so vor, als sässe ich vor einem 10.000 Teile-Puzzle und kein Teil passt so recht ins andere. Kaum meint man eine Baustelle im Griff zu haben, tut sich auch schon die nächste auf. Dennoch, das Geschrei liess mir noch immer keine Ruhe. Es sollte allerdings noch gute 2 Woche dauern, bis ich auch dieses Rätsel habe lösen können.

Die dritte Woche beenden wir mit einem Besuch bei Oma Anne in Rhede. Autofahren mag Josef sehr gerne, denn er schlief tief und fest …

Woche 4:
Keine nennswerten Vorkommnisse. Die Nächte sind nach wie vor seeeehr kurz, Josef schreit noch immer viel und ist noch immer sehr unruhig. An manchen Tagen treibt mich das regelrecht in den Wahnsinn, da dem Kind einfach nicht beizukommen ist und er sich eben auch nicht helfen lassen kann. Meine Nerve liegen blank und nicht selten möchte ich einfach nur raus aus meiner Situation. Schlafmangel ist einer solchen Situation ganz sicher nicht zuträglich.

Woche 5:
Ich hab einen Termin bei einem anderen Kinderarzt. Ein sehr sympathischer Mann, der meine Sorge um mein Kind sehr ernst nimmt und Josef gründlich untersucht. Die vorläufige Diagnose lautet: Reflux. Reflux allein ist gar nicht so schlimm – verwächst sich bei den Kleinen bis zum 8. Monat. Schlimm wird es eben, wenn Kinder das, was sie trinken, umgehend wieder ausspucken. Das hat unser Josef allerdings nicht getan. Gespuckt hat er nie. Er hat immer nur geschrien wie am Spiess. Grund für sein Schreien war das Sodbrennen. Das war es, was ihm so weh tat und das war auch der Grund, weshalb er immer in sehr kurzen Abständen etwas trinken wollte. Damit verschaffte er sich zwar Linderung in der Speiseröhre, doch im Magen drückte es … Frische Milch auf halb vergorene – das gibt nen dicken Kloss, den der kleine Organismus erst mal wieder bewältigen muss.
Um die Diagnose allerdings zu bestätigen, folgte in der gleichen Woche ein zweiter Termin beim Arzt. Ultraschall vom Magen.
Bei der Untersuchung konnten wir richtig sehen, wie und was sich da im Magen tut und wie Josef darauf reagiert. Immer dann, wenn Nahrung aus dem Magen zurückschwappte, wurde Josef unruhig, fing an, mit Händen und Füssen zu rudern. Erst als wieder alles ruhig war, wurde auch Josef ruhiger.
Nun müssen wir dem Kleinen immer ein Medikament vor dem Essen geben, was dafür sorgt, dass die Nahrung dort bleibt, wo sie bleiben soll und zusätzlich dazu sollten wir die Milch mit Reisflocken andicken.
Tschakka. Jetzt wird alles gut.

Woche 6:
Pustekuchen. Das Sodbrennen war dann irgendwann ganz weg – hin und wieder schrie er dann doch noch sehr heftig. Doch es waren die Reisflocken, die ihm noch mehr Probleme im Darm bescherten.
Ach, es will einfach nicht aufhören … Kaum hält man das eine im Zaum, gerät das andere wieder aus dem Gleichgewicht.
Und ich bin schon lange nicht mehr im Gleichgewicht. Unausgeschlafen, gereizt und oftmals ratlos. Und wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mir hin und wieder mein altes Leben zurückwünsche. Jenes, als ich schlaflose Nächte hatte, da ich so lange unterwegs war und jenes, als ich tun und lassen konnte, was ich wollte …
Kaum habe ich diesen Gedanken zu Ende geführt, schleicht sich auch das schlechte Gewissen meinem Kind gegenüber ein. Dieses kleine unschuldige Wesen kann doch nun wirklich nichts dafür. Ich fühle mich wieder schlecht, weil ich so schlechte Gedanken habe … Ein schwacher Trost: Ich scheine nicht die Einzige zu sein …
Und alle sagen: Es soll besser werden ! Aber wann? Wo ist das Ende der drei Monate????
Und warum haben andere so ruhige und nicht schreiende Kinder??? Und warum habe ich nicht auch so eines? Was habe ich falsch gemacht? War es doch zuviel Stress in der Schwangerschaft? Habe ich mir doch zuviel zugemutet?
Ach, die Gedankenmaschine steht nicht still … Und die sechste Woche geht zu Ende.

Wochen 7-9:
Kleine Fortschritte sind zu verzeichnen. Das Sodbrennen ist ganz weg. Josef’s Trinkpausen können wir auf 4 Stunden ausweiten und hin und wieder bleibt der Zwockel auch ruhig in seinem Stubenwagen liegen. Zwar sind diese Momente noch recht selten, doch sie sind da. Und dennoch, wir haben das Gefühl, dass Josef seit der Gabe des Medikaments noch mehr schreit und noch unruhiger ist, als zuvor. Und wieder suche ich den Arzt auf, da ich nicht weiss, ob es sich ggf. um eine Nebenwirkung auf das Medikament handelt.
Ob es das Medikament ist, würden wir erfahren, wenn wir es einfach mal ein paar Tage absetzen. Sollte sich die Situation verbessern / gleich bleiben, brauchen wir es nicht mehr zu geben, sollte sich die Lage verschlechtern, dann wieder geben. Und ansonsten meinte der Doc, dass dem Jungen wohl die Zähne in den Kiefer schiessen und er deshalb so unruhig ist.
Das Weglassen des Medikamentes bewirkte nur, dass Josef das Spucken anfing und inzwischen sieht man im Unterkiefer zwei helle Stellen, an denen sich die Zähnchen ihren Weg nach draussen bahnen.

Woche 10:
Josef und ich verbringen die erste Nacht allein miteinander. Es war schon ein komisches Gefühl, so ganz ohne Backup mit dem Kind zu sein … Und zum ersten mal haben Freunde auf den Kleinen aufgepasst. Allerdings müssen wir das mit dem Sitten nochmals üben, da Josef während meiner Abwesenheit doch recht unruhig war und viel weinte … Erst als ich wieder zurück war, beruhigte er sich und hatte eine wunderbare Nacht …

Und so machen wir drei Schritte vor, und dann auch wieder zwei zurück. Die nötige Gelassenheit habe ich noch immer nicht erlangt, die es mir ermöglicht, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Noch immer neige ich dazu, mein Kind planen und steuern zu wollen, wie es für mich am einfachsten ist und am besten passt. Doch das funktioniert so nicht. Noch immer fehlt es mir an der nötigen Gelassenheit, die Dinge so anzunehmen. Josef so anzunehmen, wie er ist. Und genau DAS muss ich tun. Geduld war noch nie meine Stärke und genau die brauche ich jetzt.
Ich bin viel zu verkrampft, viel zu kopfgesteuert.
An manchen Tagen klappt es ganz gut, an anderen weniger gut. Ich bin mir dessen bewusst, dass es noch schlimmere Tage geben wird, als jene, die wir bislang erlebt haben – und die waren noch nicht mal richtig, richtig schlimm … Doch ich möchte es nicht wahrhaben. Ich erwarte zuviel von meinem Kind. Meine Anforderungen an ihn sind zu hoch und erfüllen kann er sie nicht. Wie denn auch – er ist gerade mal 10 Wochen alt.
Und schlussendlich glaube ich, dass meine fehlende Gelassenheit, das Verkrampftsein und die hin und wieder fehlende Akzeptanz einer der Gründe für Josef’s Unruhe und Unzufriedenheit sind …
… Und hier schliesst sich der Kreis und es lassen sich durchaus Schlüsse zum Verhältnis zu den eigenen Eltern ziehen …

An dieser Stelle ein dickes DANKE an all jene, die meine Dünnhäutigkeit ertragen, die mir mit Ratschlägen aus ihren Erfahrungen zur Seite stehen und mich immer wieder ermutigen und mich auch beruhigen, die mir durch ihre Erfahrungen eine andere Sicht auf meine Situation ermöglichen – auch wenn ich oftmals beratungsresistent wirke.
Schön, dass es euch und eure Kinder gibt: Susanne, Sabine, Antje, Esther, Vanessa, Anke, Heinz ...


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